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Wie wir uns auf dem Weg zu uns selbst verlaufen können

  • marlentranquillo
  • 18. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich selbst kennenzulernen.


Bücher, Podcasts, Therapieformen, spirituelle Lehren, Seminare, Coachings und unzählige Methoden versprechen mehr Bewusstsein, Heilung, innere Freiheit oder ein erfüllteres Leben. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit ihren Gefühlen, ihren Mustern, ihrer Vergangenheit und den Fragen, wer sie eigentlich sind.


Das empfinde ich grundsätzlich als etwas sehr Schönes.


Denn viele Generationen vor uns hatten diese Möglichkeiten nicht. Sie funktionierten, hielten durch und machten weiter. Heute gibt es mehr Raum für Selbstreflexion, persönliche Entwicklung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Innenleben.


Gleichzeitig beobachte ich etwas Interessantes:


Manchmal scheint uns die Suche nach uns selbst von uns selbst wegzuführen.


Nicht, weil die Methoden falsch wären. Nicht, weil Therapie, Persönlichkeitsentwicklung oder Spiritualität problematisch wären. Ganz im Gegenteil . Sondern weil wir Menschen dazu neigen, aus etwas Hilfreichem eine neue Aufgabe zu machen, die wir möglichst perfekt erfüllen möchten.


Kaum haben wir ein Thema verstanden, taucht das nächste auf.


Kaum haben wir eine Methode entdeckt, begegnen wir einer weiteren.


Kaum haben wir gelernt, achtsamer zu sein, lesen wir, dass wir zusätzlich unser Nervensystem regulieren, Glaubenssätze auflösen, Schatten integrieren, unser inneres Kind heilen und unsere Beziehungen bewusster gestalten sollten.


Und obwohl all diese Dinge wertvoll und wichtig sind, kann dadurch auch ein subtiler Druck entstehen:


Mache ich genug?


Arbeite ich genug an mir?


Übersehe ich etwas?


Müsste ich nicht längst weiter sein?


Aus einer Reise zu uns selbst wird plötzlich ein Projekt.


Aus Neugier wird Anstrengung.


Aus Entwicklung wird Optimierung.


Denn wir sehen die Methoden und Konzepte nicht mehr als das was sie sind. Nämlich eine hilfreiche Unterstützung und nicht ein Allheilmittel.


Wir hoffen etwas zu finden, was alle unsere Themen löst. Und wenn es das nicht tut, beginnen wir oft zu glauben, wir hätten etwas falsch gemacht. Unter dem Motto: aber ich habe doch schon dieses und jenes gemacht, müsste es dann nicht besser sein, müsste ich nicht wo anders stehen?

Mache ich es falsch?


Wir hoffen oft, die nächste Erkenntnis werde uns endgültig befreien.


Wenn ich dieses Muster verstanden habe.


Wenn ich diese Angst überwunden habe.


Wenn ich dieses Thema aufgearbeitet habe.


Dann werde ich endlich ankommen sein, glücklich sein, erfolgreich sein.


Doch das Leben funktioniert nicht so.


Es gibt keinen Zustand, in dem wir fertig sind.


Keinen Punkt, an dem keine Unsicherheit mehr auftaucht, keine Angst mehr, keine alten Muster mehr.


Das Leben bleibt lebendig. Und wir verändern uns mit ihm.


Vielleicht suchen wir deshalb so oft nach Konzepten.


Konzepte geben Orientierung. Sie helfen uns, Erfahrungen einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen. Daran ist nichts falsch.


Problematisch wird es erst, wenn wir beginnen, Konzepte mit Erfahrung zu verwechseln.


Wir können alles über Bindungsmuster wissen und trotzdem nicht spüren, was gerade in uns vorgeht.


Wir können stundenlang über Selbstliebe sprechen und uns gleichzeitig selbst ablehnen.


Wir können spirituelle Lehren zitieren und trotzdem vor unseren Gefühlen davonlaufen.


Ein Konzept kann auf eine Erfahrung hinweisen.


Es kann die Erfahrung aber nicht ersetzen.


Eine Landkarte ist nicht die Landschaft.


Irgendwann müssen wir den Blick von der Karte heben und wahrnehmen, wo wir gerade tatsächlich stehen.


Vielleicht führt uns genau dass zu einer viel grundsätzlicheren Frage, die wir zwischen allen Methoden und Suchen manchmal vergessen:


Wie ist eigentlich meine Beziehung zu mir selbst?

Habe ich überhaupt eine? Oder versuche ich durch analysieren und Selbstoptimierung ein Bild von mir zu erschaffen, welches meiner Vorstellung wie ich bin oder sein müsste entspricht?


Vielen von uns geht es so, dass wir gar nicht gelernt haben, wie es ist mit uns selbst in Beziehung zu sein.


Wir lernen in unserer Kindheit vieles. Wir lernen, uns anzupassen, Erwartungen zu erfüllen, Leistung zu bringen oder Konflikte zu vermeiden. Doch nur wenige von uns lernen, wie ein liebevoller Kontakt zu sich selbst aussieht.

Daher versuchen wir mit unseren alten Strategien die neue Aufgabe der Selbsterkenntnis, der Selbstanalyse, der spirituellen Entwicklung etc. zu meistern.


Aber wie hört man sich denn selbst zu?


Wie bleibt man bei einem unangenehmen Gefühl, ohne sofort davor wegzulaufen?


Wie begegnet man den eigenen Ängsten, Bedürfnissen und Widersprüchen mit Interesse statt mit Ablehnung?


Wie bleibt man mit sich in Beziehung?


Für mich bedeutet Selbstentwicklung heute vor allem das.


Mich immer weiter zu erforschen, aber mir auch wirklich Zeit zu nehmen, bei mir anzukommen und einfach bei mir zu sein.


Mich wahrzunehmen.


Mich zu fühlen.


Meine Muster zu erkennen, ohne mich dafür zu verurteilen.


Verantwortung für meinen Anteil zu übernehmen, ohne mich dafür zu schämen.


Und neugierig zu bleiben auf das, was sich in mir zeigt.


Eine Beziehung lebt nicht davon, dass wir jemanden vollständig verstanden haben.


Sie lebt davon, dass wir in Kontakt bleiben und dadurch immer neues über den anderen erfahren ohne uns auf ein endgültiges Bild festzulegen.


Warum sollte das bei uns selbst anders sein?


Vielleicht besteht der Weg zu uns selbst deshalb nicht darin, immer neue Methoden auszuprobieren, bis wir die gefunden haben, die alles löst oder uns so lange zu analysieren, bis wir jedes unserer Muster einer Begründung zugeordnet haben.


Vielleicht besteht er darin, immer wieder innezuhalten.


Zu spüren, was gerade da ist.


Dem zu begegnen, was wir fühlen.


Und uns selbst die Aufmerksamkeit zu schenken, die wir so oft im Außen suchen.


Es gibt viele hilfreiche Wege.


Viele gute Methoden.


Viele wertvolle Konzepte.


Doch keiner von ihnen kann die Beziehung zu uns selbst für uns übernehmen.


Sie beginnt dort, wo wir nicht länger nur nach hilfreichen Konzepten suchen, sondern den Schritt von der Idee in die Erfahrung wagen.


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