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Lasst uns über Scham reden

  • marlentranquillo
  • 12. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Juni

Es gibt Gefühle, über die sprechen wir gerne.


Freude zum Beispiel. Liebe. Dankbarkeit. Hoffnung. Selbst Traurigkeit und Wut haben ihren Platz in unserer Gesellschaft als legitimes Gefühl gefunden.


Und dann gibt es Gefühle, über die wir lieber schweigen.

Allen voran „die Scham“.

Vielleicht deshalb, weil sie zu den schmerzhaftesten Gefühlen gehört, die wir Menschen erleben können.



Je mehr ich in die Welt der Bewusstseinsarbeit eintauchte, desto mehr wurde mir die Relevanz dieses Gefühls verdeutlicht.Besonders die verschiedenen Facetten der Scham, ihre Herausforderungen und Potenziale haben mich dabei beschäftigt.

Zusätzliche Inspiration lieferte mir der Podcast „Hotel Matze“ mit dem Schamforscher Stephan Marks.


Für mich ist Scham eines der unterschätzten Gefühle.

Nicht weil sie selten wäre.

Sondern weil sie überall wirkt und gleichzeitig kaum sichtbar ist.


Warum sprechen wir so selten über Scham?

Vielleicht liegt die Antwort schon in der Natur dieses Gefühls.

Scham fühlt sich oft an wie ein entblößt werden.

Als würden plötzlich alle auf uns schauen.

Als würden andere etwas sehen, das wir selbst am liebsten verstecken würden.

Wenn wir uns schämen, fühlen wir uns ausgeliefert.

Falsch.

Unwürdig.

Nicht gut genug.

Oft ist Scham mit Schuld verbunden, obwohl beides nicht dasselbe ist. Während Schuld sich auf etwas beziehen kann, das wir getan haben, trifft Scham oft unser Selbstbild. Sie flüstert uns zu:

"Mit mir stimmt etwas nicht."

Und genau deshalb ist sie so schwer auszuhalten.

Hinzu kommt, dass Scham nicht nur emotional schmerzhaft ist, sondern auch körperlich spürbar wird. Wir werden rot oder blass. Unser Herz schlägt schneller. Wir erstarren. Wir möchten fliehen oder uns verstecken.

In einem Podcast erklärte Stephan Marks, dass bei akuter, starker Scham sowohl Sympathikus als auch Parasympathikus stark aktiviert werden. Unser Nervensystem gerät gewissermaßen in einen Ausnahmezustand. Vielleicht erklärt das auch, warum wir in Momenten tiefer Scham oft nicht mehr klar denken können.

Dann haben wir die Scham nicht.

Die Scham hat uns.



Scham und Würde

Ein Gedanke aus der Forschung von Stephan Marks hat mich besonders berührt.

Er beschreibt Scham als die Wächterin der Würde.

Je länger ich darüber nachdenke, desto stimmiger fühlt sich dieser Gedanke für mich an.

Denn Scham entsteht häufig dort, wo etwas unsere Würde berührt.

Wenn unsere Grenzen verletzt werden.

Wenn wir ausgegrenzt werden.

Wenn wir beschämt werden.

Wenn etwas gegen unsere Integrität geht.

Oder wenn wir selbst gegen etwas verstoßen haben, das uns eigentlich wichtig ist.

Dann meldet sich die Scham.

Nicht um uns zu bestrafen.

Sondern um auf etwas aufmerksam zu machen.

Auf etwas, das gesehen werden möchte.

Das eigentliche Problem ist nicht die Scham


Das Problem entsteht oft dort, wo wir die Scham um jeden Preis vermeiden wollen.

Denn Scham ist so schmerzhaft, dass wir verständlicherweise versuchen, ihr auszuweichen.

Wir ziehen uns zurück.

Wir erstarren.

Wir lenken uns ab.

Wir greifen zu Süchten.

Oder wir kompensieren sie auf anderem Wege.


Manchmal begegnet uns Scham deshalb nicht als Rückzug, sondern als Überheblichkeit.

Nicht als Kleinmachen, sondern als Großmachen.

Nicht als Unsicherheit, sondern als demonstrierte Stärke.


Auch das war ein Gedanke, der mich sehr beschäftigt hat.

Wie oft reagieren wir auf Menschen mit Ablehnung, weil sie arrogant, laut oder großspurig wirken?

Und wie würde sich unser Blick verändern, wenn wir zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass hinter diesem Verhalten vielleicht ein Mensch steht, der versucht, ein schmerzhaftes Schamgefühl nicht spüren zu müssen?

Das bedeutet nicht, dass wir jedes Verhalten gutheißen müssen.

Aber vielleicht können wir klar bleiben, ohne die Würde des anderen anzugreifen.



Was passiert, wenn wir die Scham fühlen?

Für mich liegt hier der eigentliche Schlüssel.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder erlebt, dass Scham ihre größte Macht besitzt, solange wir vor ihr davonlaufen.

Solange wir sie vermeiden.

Solange wir glauben, sie sei die Wahrheit.

Wenn wir jedoch beginnen, sie bewusst zu fühlen, verändert sich etwas.

Manchmal nicht sofort, aber Schritt für Schritt.

Und plötzlich wird aus:

"Ich bin falsch."

ein

"Ich fühle Scham."

Das klingt nach einem kleinen Unterschied.

Für mich ist es ein gewaltiger.

Denn in diesem Moment wird die Scham wieder zu einem Gefühl.

Nicht mehr zu einer Wahrheit.

Nicht mehr zu einem Urteil über unseren Wert.

Nicht mehr zu unserer Identität.

Und genau dort beginnt oft etwas Neues.

Wir bekommen wieder Zugang zu den Dingen, vor denen uns die Scham bisher geschützt hat.

Zu einer Verletzung.

Zu einer Angst.

Zu einem ungeliebten Anteil.

Vielleicht auch zu einem Fehler.

Zu etwas, das wir verdrängt haben.

Zu etwas, das wir uns selbst lange nicht eingestehen wollten.


Dadurch wird Veränderung in den zugrunde liegenden Themen wieder möglich.



Die Freiheit hinter der Scham


Scham kommt aus einer Quelle in unserem inneren. Im Gegensatz zur Beschämung, die uns im Außen passiert und in uns Scham hinterlassen kann. So schämen wir uns häufig nicht nur für Handlungen die wir selbst begangen haben, sondern auch für Sachen, die uns angetan wurden. Es gibt Begebenheit bei denen unser Gewissen sich meldet und uns die Scham unterschwellig drückt.

Vielleicht haben wir jemanden verletzt.

Vielleicht haben wir eine Grenze überschritten.

Vielleicht haben wir uns selbst verraten.

Solange wir die damit verbundene Scham vermeiden, bleiben wir oft in Abwehr, Rechtfertigung oder Verdrängung gefangen.

Wenn wir sie jedoch fühlen können, entsteht die Möglichkeit zu lernen.

Verantwortung zu übernehmen.

Zu wachsen.

Nicht weil wir schlecht sind.

Sondern weil wir Menschen sind.

Für mich liegt darin eine große Freiheit.

Denn alles, was wir nicht mehr vor uns selbst verstecken müssen, kostet uns auch keine Kraft mehr.

Jeder Anteil, den wir wieder in unser Bewusstsein holen können, macht uns ein Stück ganzer.

Ein Stück freier.

Ein Stück mutiger.


Wie erwähnt, entsteht nicht jedes Schamgefühl, weil wir etwas getan haben oder unser Gewissen sich meldet.

Manche Menschen tragen Scham in sich, die durch Verletzungen entstanden ist. Durch Grenzüberschreitungen, Gewalt oder Missbrauch. Dann geht es nicht darum, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen. Die Verantwortung bleibt dort, wo sie hingehört.

Und trotzdem können die damit verbundenen Gefühle behutsam angeschaut und gefühlt werden.


Nicht auf einmal.


Nicht überwältigende.


Sondern Schritt für Schritt.


So, dass wir uns mit diesen Gefühlen nicht mehr allein lassen müssen und die Scham nach und nach ihren überflutenden Charakter verlieren kann.




Scham weitergeben oder Scham halten.


Stephan Marks beschäftigt sich nicht nur mit der individuellen, sondern auch mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Scham.

Ein Gedanke daraus hat mich besonders bewegt:

Scham, die nicht gehalten, bzw. ausgehalten werden kann, wird oft weitergegeben.

An andere Menschen.

An Gruppen.

An diejenigen, die sich am wenigsten wehren können.

Vielleicht beginnt so manches Mobbing.

Vielleicht manche Ausgrenzung.

Vielleicht manche Form von Gewalt.

Wenn wir selbst beschämt wurden, entsteht leicht die Versuchung, die eigene Scham loszuwerden, indem wir sie jemand anderem aufladen.

Nicht bewusst.

Aber menschlich nachvollziehbar.

Deshalb glaube ich, dass ein guter Umgang mit Scham nicht nur für unser eigenes Leben wichtig ist.

Sondern auch für unser aller Miteinander.


Ein anderer Blick auf die Scham

Für mich ist die Haltung, welcher wir der Scham gegenüber haben essenziell, weder dass wir ihr zu viel Macht einräumen, noch dass wir sie bagatellisieren. Sondern, dass wir sie sehen als das war sie ist. Als ein Gefühl, dass einen wichtigen Platz in uns hat.

Wir müssen sie nicht loswerden, sondern ihr so viel Raum geben, das wir sie halten können und nicht weiter geben müssen.


Denn hinter der Scham wartet oft etwas Wertvolles.

Ein Hinweis.

Eine Grenze.

Eine Verletzung.

Ein ungeliebter Anteil.

Eine Wahrheit, die gesehen werden möchte.

Oder die Erinnerung daran, dass unsere Würde – und die Würde anderer Menschen – etwas Kostbares ist.

Scham ist nicht unser Feind, sondern eher eine unbequeme Begleiterin, die uns auf etwas aufmerksam machen möchte.

Und vielleicht beginnt Heilung dort, wo wir aufhören, vor ihr davonzulaufen.

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