Gefühle fühlen – aber wie eigentlich?
- marlentranquillo
- vor 6 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
In mehreren meiner Artikel streife ich immer wieder das Thema „Fühlen“ oder sich selbst wirklich „wahrnehmen“.
Aber was bedeutet das eigentlich?
Fühlen wir nicht alle ganz automatisch? In jeder Alltags- und Ausnahmesituation laufen doch Gefühle mit. Wie kann man also sagen, dass man fühlen üben oder lernen soll?
Klar, wir wissen alle, dass manche Menschen ihre Gefühle leichter wahrnehmen und andere schwerer Zugang dazu haben.
Je mehr wir anfangen, uns mit uns selbst zu beschäftigen – sei es in einer Therapie, einer Reha, in Selbsterfahrungsworkshops oder auf einem spirituellen Weg – desto häufiger begegnen wir dem Thema „Fühlen“ oder „sich selbst spüren“.
Aber was bedeutet das eigentlich konkret?
Ich kann an dieser Stelle nur meine aktuelle Sicht anbieten, geprägt durch persönliche Erfahrungen und meinen Blick als Lebensberaterin.
Gehen wir doch einmal einen möglichen Ablauf durch, wie bewusstes Fühlen oder sich selbst wirklich spüren stattfinden könnte.
Die Grundlage von bewusster Wahrnehmung ist in meinen Augen Konzentration.
Ohne die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit auf etwas zu richten, bleiben wir unserem sprunghaften, Geschichten erzählenden Verstand ausgeliefert.
Wir werden von Gedanken mitgerissen.
Von Erinnerungen.
Von Sorgen.
Von äußeren Reizen.
Von dem, was wir noch erledigen müssen.
Von dem, was gestern war oder morgen sein könnte.
Dass ist das einer der Gründe, warum viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle wahrzunehmen.
Nicht weil die Gefühle fehlen.
Sondern weil ihre Aufmerksamkeit nie lange genug an einem Ort verweilt, um wahrzunehmen, was dort tatsächlich geschieht.
Viele Menschen glauben, sie hätten keinen Zugang zu ihren Gefühlen.
Dabei fehlt oft nicht das Gefühl.
Sondern die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit lange genug bei einer Erfahrung zu halten, um sie bewusst wahrnehmen zu können.
Deshalb kann es für manche Menschen zunächst wichtiger sein, Konzentration zu üben, als nach möglichst tiefen Gefühlen zu suchen.
Das ist keine ganz einfache Aufgabe in einer Welt, die ständig um unsere Aufmerksamkeit kämpft.
Um sich etwas zu entspannen, kann es hilfreich sein, sich zunächst im Raum zu orientieren.
Was sehe ich?
Was höre ich?
Was rieche ich?
Was schmecke ich?
Ohne sofort darüber nachzudenken.
Ohne etwas analysieren zu müssen.
Wahrnehmung beginnt genau hier.
Erst einmal im Außen.
Wird unsere Aufmerksamkeit etwas stabiler, können wir den Blick langsam nach innen bzw. erst einmal auf unseren Körper richten. Dieser ist ein sehr guter Zugang zu unseren Gefühlen.
Also wie fühlen sich meine Beine an?
Sind sie schwer oder leicht?
Spüre ich Spannung in den Schultern?
Ein Ziehen im Bauch?
Druck in der Brust?
Meist verbinden wir bestimmte Körperempfindungen mit verschiedenen Gefühlen. Z.b. Druck im Bauch und einen Kloß im Hals als Trauer oder ein heißes drückendes Gefühl in der Brust als Wut.
Das ist bei jedem anders. Daher kann man durch einfach Körper spüren auch Stück für Stück wahrnehmen, welche Emotionen da sind und wo sie im Körper sitzen. Denn meist geht einer Emotion wie Trauer, Freude oder Wut ein Körpergefühl voraus.
Wenn Anfangs sich mehr die Körperempfindungen auftauchen als die Emotionen, ist das absolut in Ordnung. Auch fühlen ist ein Prozess. Je regelmäßiger wir uns dafür Raum nehmen, desto mehr kann eine Tiefe darin entstehen. Es ist ein Lern- und Erfahrungsprozess wie alles andere auch im Leben.
Wichtig dabei ist die Haltung die wir einnehmen.
Wir lernen in unserem Leben eher zu sagen, „ich bin traurig“ als „ich fühle Traurigkeit“. Überhaupt über seine Gefühle zu reden ist schon ein wichtiger Schritt.
Wenn wir jedoch statt „ich bin“ und „ich fühle“ sagen, unterstützen wir uns selbst, in einer Beobachterrolle des Geschehens zu gehen.
Wir erleben bewusst, was in unserem Körper geschieht.
Welche Empfindungen auftauchen.
Welche Gefühle da sind.
Welche Gedanken unser Kopf dazu beisteuert.
Ohne sofort eingreifen zu müssen.
Ohne alles verändern zu müssen.
Ohne daraus automatisch eine Geschichte zu machen.
Wir beginnen wahrzunehmen:
Das bin nicht ich.
Das geschieht gerade in mir.
In meinem Körper.
In meinem Nervensystem.
In meinem Erleben.
Dadurch können Gefühle und Gedanken kommen und gehen, ohne dass wir sie festhalten oder bekämpfen müssen.
Gleichzeitig verlieren Gefühle oft etwas von ihrer Bedrohlichkeit, weil wir lernen, sie aus einer beobachtenden Haltung heraus wahrzunehmen.
Nehmen wir beispielsweise Scham.
Scham kann sich so vernichtend anfühlen, dass wir alles versuchen, um ihr nicht begegnen zu müssen.
Wir lenken uns ab.
Wir erklären.
Wir rechtfertigen uns.
Oder wir ziehen uns zurück.
Wenn wir jedoch erkennen, dass Scham zunächst einmal ein Gefühl ist, das in uns auftaucht, verändert sich etwas.
Die Scham verschwindet dadurch nicht.
Aber sie verliert oft einen Teil ihrer Macht über uns.
Wir müssen ihr nicht mehr blind folgen.
Wir müssen sie nicht bekämpfen.
Wir können wahrnehmen, dass sie da ist.
Wir können erforschen, wie sie sich anfühlt.
Und wir können ihr den Raum geben, uns etwas zu zeigen, ohne dass sie unser gesamtes Erleben bestimmt.
Gefühle dürfen kommen.
Sie dürfen da sein.
Und sie dürfen auch wieder gehen.
Mit der Zeit können wir beginnen, noch neugieriger zu werden.
Nicht um das Gefühl zu analysieren.
Sondern um es besser kennenzulernen.
Nehmen wir an, wir bemerken Scham.
Dann können wir uns fragen:
Wo im Körper nehme ich sie wahr?
Wie fühlt sie sich an?
Ist sie eher ein Brennen?
Ein Druck?
Eine Enge?
Ein Stechen?
Hat sie eine Temperatur?
Eine Bewegung?
Bleibt sie an einer Stelle oder verändert sie sich?
Manchen Menschen hilft es auch, einem Gefühl eine Form oder eine Farbe zu geben.
Nicht weil das Gefühl tatsächlich diese Farbe hätte.
Sondern weil es dadurch greifbarer wird.
Vielleicht erscheint die Scham wie eine kleine graue Kugel im Bauch.
Vielleicht wie eine rote Hitze im Gesicht.
Vielleicht wie eine schwere Decke auf den Schultern.
Vielleicht auch ganz anders.
Es gibt dabei kein richtig oder falsch.
Es geht nicht darum, die passende Beschreibung zu finden.
Sondern darum, dem Gefühl neugierig zu begegnen und es immer genauer wahrzunehmen.
Oft entsteht dadurch etwas Überraschendes:
Aus einem diffusen und bedrohlichen Zustand wird eine konkrete Erfahrung, die wir erforschen können.
Und allein dadurch verändert sich häufig schon unsere Beziehung zu dem Gefühl.
An dieser Stelle geht es längst nicht mehr nur um Gefühle.
Denn dieselbe Fähigkeit, die uns hilft, Gefühle wahrzunehmen, hilft uns auch dabei, uns selbst besser zu verstehen.
Viele Konflikte entstehen nicht, weil wir nicht fühlen.
Sondern weil wir nicht wahrnehmen, was tatsächlich in uns geschieht.
Wir reagieren auf unsere Gedanken, statt auf unser Erleben.
Wir folgen Geschichten, statt neugierig zu erforschen, was darunter liegt.
Vielleicht steckt hinter einer Wut eine Verletzung.
Hinter einer Kränkung ein unerfülltes Bedürfnis.
Hinter einer Angst ein Wunsch nach Sicherheit.
Je besser wir wahrnehmen können, was tatsächlich in uns geschieht, desto leichter wird es, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden.
Wir lernen zu erkennen:
Was fühle ich?
Was denke ich darüber?
Welche Geschichte erzähle ich mir?
Und was ist tatsächlich gerade da?
Dadurch verändert sich nicht nur die Beziehung zu unseren Gefühlen.
Es verändert sich auch die Beziehung zu uns selbst.
Und damit oft auch die Beziehung zu anderen Menschen.
Denn echte Begegnung wird dort möglich, wo wir nicht nur mit unseren Geschichten in Kontakt sind, sondern mit unserem tatsächlichen Erleben.
Dabei begegnen wir oft einer weiteren Herausforderung.
Unser Verstand macht aus nahezu allem ein Konzept.
Auch aus dem Fühlen selbst.
Dann wissen wir plötzlich, dass wir unsere Gefühle akzeptieren sollten.
Dass wir ihnen Raum geben sollten.
Dass wir sie nicht unterdrücken sollten.
Und all das mag sogar stimmen.
Trotzdem kann es sein, dass wir weiterhin hauptsächlich über Gefühle nachdenken, anstatt sie tatsächlich wahrzunehmen.
Zu wissen, dass ein Gefühl da sein darf, ist nicht dasselbe wie es zu erleben.
Zu wissen, dass man Gefühle akzeptieren sollte, ist nicht dasselbe wie sie zu fühlen.
Deshalb führt uns bewusste Wahrnehmung immer wieder weg von Konzepten und zurück zur unmittelbaren Erfahrung.
Weg von der Frage, was sein sollte.
Hin zu der Frage:
Was ist gerade tatsächlich da?
So einfach dieser Weg beschrieben werden kann, verläuft er in der Praxis nicht für jeden Menschen gleich.
Für manche Menschen ist der Zugang zu Gefühlen allerdings nicht nur eine Frage von Übung oder Aufmerksamkeit. Besonders nach traumatischen Erfahrungen kann es sein, dass das Nervensystem Gefühle nur sehr eingeschränkt zulässt oder umgekehrt sehr schnell von ihnen überflutet wird.
In solchen Fällen kann es hilfreich sein, diesen Prozess gemeinsam mit einer therapeutischen oder anderweitig qualifizierten Begleitung zu gehen. Ein Mensch, der den Raum hält, kann dabei unterstützen, Schritt für Schritt Zugang zu finden, ohne das Nervensystem zu überfordern.
Wenn du dich mit diesem Thema näher beschäftigen möchtest, können bestimmte Ansätze eine hilfreiche Unterstützung sein.
Eine Methode, die ich in diesem Zusammenhang mit dem Thema, klarer Wahrzunehmen, als besonders wertvoll erlebe, ist „das Ehrliche Mitteilen“ nach Gopal (Norbert Klein). Es unterstützt dabei, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken voneinander zu unterscheiden und bewusster wahrzunehmen, was tatsächlich da ist.
Hilfreich finde ich auch die Arbeit von Mike Hellwig zur Radikalen Erlaubnis. Besonders wenn es darum geht, Gefühlen Raum zu geben, ohne sie sofort verändern, lösen oder wegmachen zu wollen.
Letztlich geht es beim Fühlen gar nicht darum, möglichst viele intensive Erfahrungen zu machen oder immer besonders tief in sich einzutauchen.
Es geht es vielmehr darum, immer wieder wahrzunehmen, was gerade da ist.
Ohne etwas daraus machen zu müssen.
Ohne etwas verändern zu müssen.
Und ohne uns mit allem zu identifizieren, was in uns auftaucht.
Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass wir etwas Neues lernen.
Sondern einfach damit, dass wir dem, was gerade da ist unsere Aufmerksamkeit schenken.
Was gerade tatsächlich da ist.



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