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Die Sache mit dem "einfach Loslassen"

  • marlentranquillo
  • 9. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Juni

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder den Satz gehört:

„Du musst einfach loslassen.“

Und jedes Mal bleibt bei mir etwas daran hängen.

Nicht, weil ich denke, dass Loslassen unwichtig wäre. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass Loslassen ein wichtiger Teil des Lebens ist. Aber ich frage mich immer wieder, ob wir überhaupt entscheiden können, loszulassen.

Wenn das so einfach wäre, würden wir es doch tun.

Wer möchte freiwillig an einer Trennung festhalten, die weh tut? Wer möchte jahrelang über etwas nachdenken, das längst vorbei ist? Wer möchte immer wieder von denselben Gedanken oder Gefühlen eingeholt werden?

Und trotzdem passiert genau das.

Deshalb frage ich mich, ob die Aufforderung zum Loslassen vielleicht manchmal an der eigentlichen Frage vorbeigeht.

Vielleicht ist die spannendere Frage gar nicht:

Warum lasse ich nicht los?

Sondern:

Woran halte ich fest?

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich der Satz „Lass doch einfach los“ beschäftigt.

Denn die meisten Menschen meinen ihn nicht böse. Oft steckt sogar ein ehrlicher Wunsch dahinter, dem anderen zu helfen.

Und trotzdem frage ich mich, was bei demjenigen ankommt, der diesen Satz hört.

Wenn jemand seit Monaten oder Jahren mit einem Thema ringt und dann hört:

„Du musst einfach loslassen.“

könnte darin auch etwas anderes mitschwingen.

Vielleicht:

„Warum hast du das noch nicht geschafft?“

„Warum beschäftigst du dich immer noch damit?“

„Es sollte doch längst vorbei sein.“

Natürlich ist das selten so gemeint.

Aber manchmal kann genau das beim anderen ankommen.

Nicht Entlastung.

Sondern zusätzlicher Druck.

Plötzlich hat man nicht nur das ursprüngliche Thema.

Sondern auch noch das Gefühl, etwas falsch zu machen, weil man nicht loslassen kann.

Und genau das finde ich so paradox.

Denn oft möchten wir einem Menschen helfen.

Doch manchmal erzeugen wir unbeabsichtigt genau das Gegenteil von dem, was wir uns wünschen.

Vielleicht braucht es deshalb nicht immer einen Rat.

Vielleicht braucht es manchmal einfach Interesse.

Nicht:

„Warum lässt du nicht los?“

Sondern:

„Was hält dich noch fest?“

Ich denke, dass wir zwar an bestimmten Ereignissen festhalten, die Gründe dafür aber oft tiefer liegen.

Wir halten nicht nur an dem fest, was passiert ist, sondern auch an dem, was damit verbunden ist.

An der Hoffnung, doch noch verstanden zu werden.

An dem Wunsch, dass jemand Verantwortung übernimmt.

An einer Entschuldigung, die nie gekommen ist.

An der Hoffnung, dass der entstandene Schmerz gesehen oder anerkannt wird.

Oder vielleicht einfach an dem Gefühl, dass das alles so nicht hätte passieren dürfen.

Wenn das stimmt, dann ist Loslassen keine Frage von Willenskraft.

Denn wie sollen wir etwas loslassen, das auf einer tieferen Ebene noch Bedeutung für uns hat?

Vielleicht geht es deshalb nicht darum, Loslassen zu erzwingen.

Sondern darum zu verstehen, was uns festhält.

Nicht darin, schneller loszulassen.

Sondern ehrlicher hinzuschauen.

Vielleicht beginnt Akzeptanz genau dort.

Nicht darin, etwas gut zu finden.

Nicht darin, etwas schön zureden.

Sondern darin anzuerkennen, was gerade ist.

Dass ich noch festhalte.

Dass ich noch traurig bin.

Dass ich noch wütend bin.

Dass ich noch nicht loslassen kann.

Und dass auch das gerade Teil meines Weges ist.

Vielleicht beginnt Frieden deshalb gar nicht damit, dass wir loslassen.

Sondern damit, dass wir aufhören, uns dafür zu verurteilen, dass wir noch festhalten.



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